Vocal Workshop
Gesichtsspannung
Unser Thema diesmal ist die Gesichtsspannung und die damit verbundene Tonführung. Wie wir euch bereits beim letzten Workshop erklärt haben, ist es für die Produktion eines kernigen, metallischen Tones unerlässlich, möglichst viel Wandstärke im Artikulationsbereich ( Gaumen, Zunge usw.) zu schaffen.
Noch mal zur Erinnerung:
Im Training wollen wir einen ganz bestimmten Ton erzeugen, einen powervollen, metallisch-kernigen Trainingston. Den bekommen wir nur hin, wenn der Tonsitz weit vorne ist, sprich hinter den oberen Schneidezähnen. Da sich die Schallwellen von ihrer Quelle (beim Singen sind das die Stimmlippen) aber in alle Richtungen sternförmig ausbreiten, müssen wir sie bündeln und nach vorne lenken. Schallwellen kann man aber nur durch hartes Material transportieren, da weiches Material die Schallwellen schluckt und nur sehr schlecht weiterleitet.
Legt man ein Ohr auf eine Eisenbahnschiene, kann man einen nahenden Zug schon hören, wenn er noch gar nicht in Sichtweite ist. Das wäre sicherlich nicht möglich, wenn die Schienen aus Gummi wären. Abgesehen davon könnte dann auch kein Zug mehr darauf fahren.
Wenn ihr alle technischen Aspekte, die ihr bis jetzt gelernt habt, schon umsetzt, habt ihr bereits eure Zunge gestaucht, wodurch ihr einerseits Resonanzraum schafft für euren Ton, andererseits aber auch für hartes Material sorgt. Auch das Aufstellen des Gaumensegels sorgt für viel mehr Platz, zusätzlich macht ihr aus dem weichen Gaumen eine harte Resonanzplatte.
Leider ist das noch nicht alles!
Wenn ihr euer Gesicht im Normalzustand befühlt, werdet ihr feststellen, dass es auch zum größten Teil aus weichem Material besteht. Vor allem die Wangen sind, wenn man nichts dagegen macht, echte Tonkiller, die in ihrem schlaffen Zustand in keinster Weise zu einem kernigen Ton verhelfen. Da aber selbstverständlich auch die Wangen mit Muskulatur bestückt sind, sind wir in der Lage, sie zu spannen und somit zu festem Material zu gestalten.
Das geschieht übrigens ganz automatisch, wenn ihr lächelt oder lacht. Dieses Lachen hilft euch beim Singen: Bringt euer Gesicht in eine Lächelstellung, je höher ihr singt in eine Staunstellung!
Da aber bekannterweise unser Körper am besten durch Übertreibung lernt, reicht es im Training nicht aus, während eines Tones nur ganz normal zu lächeln. Setzt euer übertriebenstes Grinsen auf, und vor allen Dingen kontrolliert es im Spiegel. Ihr macht es dann richtig, wenn ihr bei eurem Anblick erschreckt und denkt: "Gott, sehe ich scheiße aus".
Natürlich werdet ihr euch am Anfang ein wenig blöd vorkommen, aber das ist völlig normal. Wann verzieht man im Alltag schon sein Gesicht zu einer Grimasse?
Dass es aber beim Singen völlig normal und sogar notwendig ist, sein Gesicht so extrem einzusetzen, könnt ihr an jedem guten Sänger beobachten, wenn ihr ihn live seht. Ob Bon Jovi, Steven Tyler, Tina Turner oder Robbie Williams, bei allen diesen Stars wird man, besonders bei hohen Tönen, Gesichter entdecken, die alles, was ihr am Anfang an Grimassen produziert, bei weitem in den Schatten stellen. Also auch hier gilt: Learning by watching!!!
Kleiner Tip:
Es gibt ein Video von Robbie Williams, "Live at the Royal Albert", das sich als Lehrvideo hervorragend eignet. Besonders bei dem Song "I will talk and Hollywood will listen" könnt ihr wunderbar die Gesichtsarbeit dieses brillanten Künstlers studieren, neben solchen anderen Faktoren wie Körperspannung, Lockerheit im Hals usw.
Um die Wirkung eines gespannten Gesichts zu testen, macht bitte folgende Übung: Setzt einen Ton in der Bruststimme auf "äää" an. Zu Beginn dieser Übung solltet ihr ein typisches "Null-Bock"-Gesicht haben, d.h. die Gesichtsmuskulatur ist schlaff und nichts ist gespannt. Nachdem ihr den Ton angesetzt und ihn 2-3 Sekunden so gehalten habt, verzieht euer Gesicht langsam zu einem Lächeln und dann immer mehr zu einer Grimasse. Behaltet aber die Tonhöhe bei. Ihr werdet merken, dass der Ton mit zunehmender Gesichtsspannung kerniger, kraftvoller und metallischer wird. Es kann sogar sein, dass sich der Ton höher anhört als am Anfang der Übung mit dem schlaffen Gesicht. Das liegt an den Obertönen, auf die wir aber beim nächsten Mal erst eingehen.
Natürlich werdet ihr, wenn ihr auf der Bühne steht, nicht permanent eine Grimasse schneiden, das versteht sich von selbst. Aber letztendlich wird ein "arbeitendes" Gesicht in der Live-Situation immer interessanter wirken als ein "faules" Gesicht. Außerdem ist es letztendlich das Gesicht, das den Charakter des Tones bestimmt, und das nicht nur beim Singen. Wenn ihr ein wutverzerrtes Gesicht habt, wird eure Stimme auch immer wütend klingen, genauso wie ein trauriges Gesicht auch immer traurige Töne erzeugt. Das kann man in vielen Alltagssituationen beobachten.
Ein Beispiel:
Jemand telefoniert mit seiner Mutter, die ihn mal wieder mit irgendwelchen Belanglosigkeiten nervt. Der Gesichtsausdruck des Telefonierenden spricht Bände. Auf einmal reicht besagte Mutter den Hörer an den kleinen Bruder unsere Testperson weiter. Im Normalfall wird sich deren Gesicht erhellen und viel freundlichere Züge zeigen, was sich auch sofort auf die Stimme auswirkt. Sie wird sanfter, freundlicher geduldiger, und nicht selten auch in ihrer Tonhöhe nach oben wandern.
Merke: "Ein langweiliges Gesicht bringt auch nur langweilige Töne hervor!
Übrigens kann es passieren, dass ihr nach einer exzessiven Übungs-Session so was wie einen "Gesichts-Muskelkater" verspürt. Das ist aber völlig normal und sollte euch dazu ermutigen, weiter zu trainieren.
Wichtig ist, dass ihr auch die Spannung der Lippen nicht vergesst. Denn die Lippen bilden den Rahmen des Tones, sie sind also die letzte Station eures Körpers, die der Ton passiert. Bei den meisten klassischen Sängern kann man beobachten, dass sie oft die Lippen nach außen schürzen, besonders bei den Vokalen. Das Ergebnis ist alles Andere als ein kerniger Ton. Um dem zu entgehen, spannt beim Singen eure Lippen so, dass sie an den Zahnreihen anliegen.
Auch dieses technische Stilmittel kann man hervorragend bei Robbie Williams beobachten!
Beim nächsten Workshop werden wir auf die Tonführung eingehen und euch erklären, weshalb ihr "beißen" müsst, um im hohen Brustimmenbereich nicht heiser zu werden.
Viel Spaß beim Üben wünschen dir!
Andrés Balhorn und Sir Danny Lattrich
Um diese Techniken schnell erreichen zu können, solltest du den erfolgreichsten Workshop für Rock/ Pop-Gesang in Europa besuchen. Nähere Infos unter:
www.powervoice.de 
oder
POWERVOICE, Alter Teichweg 11-13, 22081 Hamburg Fon: 040-419 277 19
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