Vocal Workshop
PART 1 - die Atmung!
Der Sänger sollte Verlerntes wieder lernen. Wie jedoch, wenn er nicht weiß wie?
Warum sind Stimmen, wie die von Tina Turner, Steven Tyler, Joe Cocker oder Whitney Houston so robust?
Weil sie eine vernünftige, Rock/ Pop-praxisorientierte Atmung einsetzen, die sich von der klassischen Atmung grundlegend unterscheidet.
Die Einatmung geschieht, wie Du auf der Abb. 1 erkennen kannst, über den Mund,- und Nasenraum, über die Luftröhre in die Lunge.
Doch ganz so einfach ist das mit der Einatmung nicht. Die Lunge besteht aus elastischem Gewebe und nicht aus Muskeln.
Die Lunge verhält sich wie ein Schwamm in einer geschlossenen Hand. Erst wenn die Hand sich öffnet, kann der Schwamm sich ausdehnen.
Auf die Lunge bezogen heißt das: Erst wenn die Lunge umgebene Muskulatur es zuläßt, gelangt Luft in die Lunge.
Den oberen Teil der Lunge umgibt die Zwischenrippenmuskulatur. Diese Muskulatur hebt die Rippen und so gelangt die Luft in den oberen Lungenbereich. Bei diesem Vorgang spricht man von Brustatmung.
Die effektivere Atmung jedoch ist die Bauchatmung, bei der sich das Zwerchfell hinabsenkt und die Lunge mit nach unten zieht, so daß viel Luft in den unteren Lungenbereich strömen kann.
Ganz wichtig bei der Einatmung ist, daß die Bauchmuskulatur locker und nicht gespannt ist! Denn wenn Du bei der Einatmung das Zwerchfell gegen die Bauchmuskulatur kämpfen lässt, wirst Du ähnlich enden wie viele Sänger, die ihre Stimme durch überhöhte Kraftanstrengung ruiniert haben.
Lautstärke kannst Du eine Zeit lang durch Kraft erreichen, dann wird Deine Stimme jedoch früher oder später erschlafft sein. Lautstärke sollte durch Spannung und nicht durch überhöhte Kraftanstrengung erreicht werden.
Die Kunst beim Singen ist es nicht, so viel wie möglich Luft einzuatmen um sie dann wieder abzugeben. Die Kunst des Rock/ Pop-Gesangs besteht darin, zu lernen, wie ich möglichst wenig Luft, mit höchstem Nutzen abgebe.
Wenn Du das begriffen und umsetzen kannst, spielt Heiserkeit für Dich keine Rolle mehr!
Da das Zwerchfell ein kräftiger Muskel ist, der die Bauchorgane verdrängt, heißt der Merksatz für die Einatmung:
Luft geht rein - Bauch geht raus!
Die Bauchmuskulatur darf bei der Einatmung nicht gespannt sein, muss also wie bereits erwähnt locker bleiben!
Übung:
Lege Dich auf den Rücken, eine Hand liegt auf dem Bauch. Wenn Du jetzt langsam auf "ffff" ausatmest, solltest Du spüren, wie der Bauch langsam dünner wird. Wenn Du keine Luft mehr hast, bewege ein wenig den Hals, um nicht zu verkrampfen.
Dann lass mit der Einatmung die Bauchmuskulatur los und zieh die Luft staunend mit einem tiefen "ooo" ein.
Du wirst feststellen, daß der Bauch mit einem Schlag dicker wird, weil das nach unten zusammenziehende kräftige Zwerchfell die Bauchorgane verdrängt und die Lunge mit sich nach unten zieht.
So gelangt die Luft in den unteren Bereich der Lunge. Die Kunst besteht jetzt darin, beim Singen so wenig Luft, wie möglich, so viel, wie nötig abzugeben!
Wenn Du einen hohen Ton mit der Bruststimme produzieren willst, ohne Kraft einzusetzen, dann solltest Du einen Überdruck in der Lunge aufbauen!
Wie kannst Du das erlangen? Vergleichen wir die Lunge mit einem Blasebalg. Wenn Du auf einen Blasebalg trittst, strömt die Luft aus demselben. Der Blasebalg füllt sich automatisch mit Luft, wenn Du den Fuß von ihm nimmst.
Wie kommt das? Ganz einfach: in dem Blasebalg herrscht nach Abgabe der Luft ein Unterdruck. Dieser Unterdruck wird durch den atmosphärischen Druck ausgeglichen. Ähnlich ist es bei der Lunge.
Wir müssen nicht ans Atmen denken, sie geschieht automatisch. Wenn wir jetzt einen tiefen Ton singen, brauchen wir nicht viel Energie. Halten wir jetzt eine Flöte an den Blasebalg, um einen tiefen Ton zu produzieren, so reicht ein leichtes Hinunterdrücken des Gummis und der Ton entsteht.
Wollen wir jedoch einen hohen Ton produzieren, müssen wir das Gummi kräftig hinunterdrücken, diesen Ton zu produzieren. Wir wenden Kraft an. Kraft bedeutet Druck. Wenn wir bei der Stimme einen hohen Ton produzieren, müssten wir auch Druck ausüben, um die Stimme zum Klingen zu bringen. Druck ist jedoch schlecht, da die Stimmbänder (der richtige Ausdruck lautet: Stimmlippen) einem hohen Luftdruck entgegenarbeiten müssten, was mit pressen gleichzusetzen ist.
Wie können wir den Druck ersetzen/kompensieren? Ganz einfach. Zurück zum Blasebalg.
Wenn wir den Blasebalg mehr als bis zum Druckausgleich füllen, entsteht der hohe Ton an der Flöte von selbst, also ohne Druck, da der Überdruck im Blasebalg automatisch dorthin geht, wo weniger Druck herrscht, also nach draußen in die Atmosphäre.
Wenn Du also so intensiv einatmest, so dass in der Lunge ein großer Überdruck herrscht, musst Du die Luft für einen hohen Ton nicht mehr hinauspressen, sondern nur noch zurückhalten, da sie von selbst hinaus will.
Zurückhalten kannst Du die Luft mit Hilfe eines großen Muskels, der das Zwerchfell daran hindert schnell wieder hochzuschnellen. Dieser Muskel ist die Bauchmuskulatur, die ideal die Luftabgabe kontrollieren kann.
Wenn Du die Bauchmuskulatur anspannst, kannst Du nicht in den unteren Bereich der Lunge einatmen- unmöglich. Wenn Du sie jedoch nach der Einatmung spannst, hällst Du die Luft zurück und kannst sie dosiert abgeben.
Wichtig ist jedoch, dass Du nach der Einatmung kurz kontrollierst, ob tatsächlich die Bauchmuskulatur die Luft zurückhält, oder, wie es am Anfang oft der Fall ist, Du im Hals einen Verschluss bildest.
Das kannst Du gut kontrollieren, indem Du nach der Einatmung "eins, zwei, drei" sprichst. Klingt es angestrengt, hällst Du den Überdruck im Hals (an den Stimmlippen) zurück.
Klingt es locker, dann ist die Bauchmuskulatur optimal eingesetzt. Beim Üben solltest Du unbedingt den Kopf locker bewegen, da Du dann ausschließen kannst, dass Du im Hals verkrampfst.
Beim nächsten Workshop erkläre ich, wie die Stimme entsteht und welches die größten Fehler der Sänger sind und wie man sie ganz easy abstellen kann, ganz logisch und ohne jahrelanges Üben!
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Bis dahin, viel Erfolg beim Atmen!
Bis zur nächsten Ausgabe, hier bei der VocalSzene.com
Andrés Balhorn
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